DOWN TO EARTH

»Down to Earth« lautet die Losung, die Jan Scharrelmann für die Deutung seiner jüngsten Arbeiten ausgegeben hat. Ein Leitspruch, der vielerlei Vorstellungen heraufbeschwört und Fährten in unterschiedliche Richtungen legt.

Bodenständig, nüchtern, unkompliziert… in der direkten sprachlichen Übertragung fraglos eine höchst irritierende Bewertung jener spektakulären Objekte, die gegenwärtig in der Studiogalerie des Saarlandmuseums zu erleben sind. Auf den ersten Blick – der  unmittelbar den hohen konzeptuellen wie technischen Aufwand ihrer Herstellung erahnen lässt – scheint es eher, als wäre mit »Down to Earth« das aktuell avisierte Ziel eines zwanglos von seinen Ausflügen in fremde Galaxien berichtenden Reisenden benannt.

Im Hinweis auf den Boden klingt jedoch in Wirklichkeit eine Vielzahl von Aspekten an, die seit jeher das Schaffen des Bildhauers Scharrelmann bestimmen. Der Erdboden – und mit ihm der Horizont – ist sehr bewusst als sinnstiftendes Bezugssystem aller Bewegung und Raumerfahrung verstanden. Viele seiner Werke loten die Potenz dieser Rezeptionsdominante aus und reflektieren hierin auch die Marksteine der jüngeren Skulpturgeschichte. Die in den 1970er-Jahren so intensiv betriebene Befragung skulpturaler Elementarkomponenten wie Masse, Gewicht und Ponderation wendet Jan Scharrelmann schon durch die Wahl seiner vermeintlich kunstfernen Werkstoffe und deren ungewöhnliche Synthese ins Ironisch-Augenzwinkernde.
»Down to Earth« umschreibt eine höchst originelle und zeitgemäße Interpretation des Axioms »Schwerkraft als Bauprinzip«. Balance erscheint durchaus als eines der zentralen Themen auch seiner Arbeit, jedoch basiert sie nicht in der herkömmlichen Weise auf dem viel beschworenen faktischen Gewicht des eingesetzten (stählernen) Materials, sondern indem die schwere und dickflüssige, von Scharrelmann langjährig erkundete Materie des Epoxydharzes in ihrer spezifischen Kohäsionskraft eine konstruktive Funktion übernimmt. Der Akt und das Produkt des Gießens oder Assemblierens aber reagieren unausweichlich und höchst anschaulich auf Schwerkraft und Erdanziehung, was sich umso eindrücklicher darstellt, wenn das Werk später, in ausgehärtetem Zustand, in andere räumliche Zusammenhänge versetzt wird. Darüber hinaus kann der Boden – »Down to Earth« – ganz unmittelbar zum Träger und zur Folie für den Niederschlag eines malerischen Ereignisses werden. Als »bodenständig« im Sinne von pragmatisch versteht Jan Scharrelmann auch den Charakter eines weiteren für sein Schaffen essentiellen Werkstoffs: Styropor, das – in kunstfremden Zusammenhängen – zur Isolation, zur Wärmedämmung oder als schockdämpfendes Verpackungsmaterial eingesetzt wird. Die in Normmodulen erhältliche Masse entsteht durch das hitzebedingte Aufschäumen von Polystyrolsplittern; sie »erwächst« also gleichsam aus zusammengebackenen, luftgefüllten Schaumkugeln. Jan Scharrelmann ist sich der komplexen technischen Genese seiner trivialen Werkstoffe wohl bewusst. Die den Materialien schon aufgrund ihrer aufwendigen Herstellungsprozesse inhärenten Energien werden im Kunstwerk aufgespürt, bewahrt und zumeist gar potenziert. »Down to Earth« ist schließlich der Titel eines Exponats der aktuellen Ausstellung. »Handschriftliche« Spuren des Gestaltungsakts treten hier in Kontrast zu der egalisierenden, anonymen Masse des Styropors und zur Perfektion der geometrisierenden Form, deren axiale Struktur gleichfalls von einem Sich-Verhalten zur Schwerkraft handelt.

Bereits zu Beginn seines Kunststudiums, in einer Phase, als der 21-jährige sich noch primär als Maler versteht, entwickelt Jan Scharrelmann eine Faszination für die Arbeit mit industriellen Techniken und Materialien. Zielsicher findet er im Jahre 1998 zu jener Werkstoffkombination, die in ihrer ambivalenten Anmutung bis heute sein plastisches Konzept prägt: Während er das Styropor zunächst vor allem als körperhaften Bildträger einsetzt, erkennt er im pigmentierten Epoxydharz, das sich durch ein zugleich malerisches wie plastisches Potenzial auszeichnet, unmittelbar das für seine künstlerischen Zielsetzungen prädestinierte Medium.

Mit seinen frühen Akademiearbeiten schon hinterfragt der Künstler das hergebrachte Verhältnis von Bild, Wand und Boden. Er experimentiert mit der unorthodoxen Platzierung und Ausrichtung des Objekts und stellt erfindungsreiche Beziehungen zwischen dem Werk und seinem räumlichen Präsentationsrahmen her. So entstehen etwa Bilder, deren Materialität und Faktur auf eine Beleuchtung durch Schwarzlicht ausgelegt ist und die somit innerhalb eines verdunkelten, entwirklichten Realraum-Milieus mit der Erscheinung eines in seiner artifiziellen Strahlkraft gänzlich ungreifbaren Bildraumes spielen. Als Niederschläge raumbezogener skulpturaler Akte können kurz darauf gegossene oder geschleuderte Harzlachen ausreichen, um ein Wand- oder Bodenrelief zu erschaffen. 1999 präsentiert der Künstler hochglänzende, buntintensiv eingefärbte Holztafeln in Zusammenschau mit eigenhändig geschreinerten plastischen Objekten, deren Gestalt sich aus dem Motivgut der pittura metafisica(!) eines Giorgio de Chirico ableitet.
Scheinbar geht es darum, unterschiedliche Vorstellungen und Erscheinungsweisen von »Raum« miteinander zu verschränken und gleichsam synchron erlebbar zu machen: Der vom konkreten Körper kraft seiner plastischen Gestalt entworfene Raum einerseits, dessen gespiegeltes Abbild im Ensemble der hinterfangenden Bildtafeln andererseits und, beiden simultan, die Vergegenwärtigung von Raum im visuellen Feld des farbig leuchtenden Bildraumes, dessen Abglanz wiederum auf das dreidimensionale Objekt zurückstrahlt.

Auch Scharrelmanns frühe Monumentalplastiken erweisen, dass sie aus dem Horizont des erfahrenen »Bildermachers« entwickelt wurden. Großflächige, irreguläre Segmente aus Styroporplatten fügt der Künstler ab 2001 unmittelbar am Ausstellungsort zu immer raumgreifenderen Objekten zusammen.
Inwendig sind diese sperrigen Styroporformationen mit einer homogenen, hochglänzenden und oftmals in Leuchtfarben kolorierten Harzschicht überzogen. Dabei handelt es sich nicht etwa um ein bloß additives Aufbringen von Farbmasse auf einen zuvor geformten skulpturalen Körper, sondern im Gegenteil um den die Plastik wesenhaft konstituierenden Arbeitsschritt: erst der in die Fugen sickernde und schließlich aushärtende Harzfilm fixiert die einzelnen Plattensegmente in ihrer winkligen, prekären Gesamtkonstellation. Ihr konstruktiver Aberwitz gipfelt darin, dass rückwärtig Besenstiele oder Holzlatten den segelartigen Aufbau stützen. Der spiegelnde, farbstrahlende Harzmantel (oder ist es das Harzfutter?) intensiviert die Spannung zwischen den vieldeutigen, von der Plattenassemblage artikulierten Volumina und der Gestalt des architektonischen Umfeldes, in welchem das Objekt sich ausbreitet, während es dessen Aspekte reflektiert.

Den Werken der Folgezeit legt Scharrelmann ein neues Aufbauverfahren zugrunde: Er operiert mit gleichförmigen, parallel verlegten Styroporplatten, die sich vor Ort mittels des nun beidseitig aufgebrachten Harzüberzugs zu modular strukturierten Ebenen verbinden. Aus diesen monumentalen, wandartigen Plattenverbänden werden trapezoide Elemente geschnitten, die der Künstler letztlich zu zweischenkligen, raumhohen Skulpturen zusammenfügt. Mit ihrem asymmetrischen Bau und ihren schrägen, desorientierenden Neigungswinkeln reagieren diese Arbeiten noch präziser auf die Spezifika des jeweiligen Ausstellungsraumes und legen konzentrierte Blickachsen und Bewegungsschneisen an. Parallel dazu gelangen die skulpturalen Elemente noch konsequenter als Träger bildhafter und bildräumlicher Wirkungen zur Geltung:
Scharrelmann verzichtet hier auf jegliche Buntfarbigkeit und versetzt die schwarz eingefärbten Harzschwemmen stattdessen mit stumpf schimmernden Graphitpigmenten, die sich im Zuge der exothermen Reaktion zwischen Harz und Härter zu lebhaft bewegten Schlieren verbinden und so die hochglänzende Oberfläche mit expressiven Rhythmen durchwirken.

Ab 2003 kommt mit dem vorübergehenden Wechsel des Trägermaterials bei gleichbleibendem Bauprinzip eine neue inhaltliche Dimension ins Spiel: Scharrelmann experimentiert mit doppelwandig verlegten Dämmmatten aus Hanf- und Schurwollfasern, die von den massiven Kunstharzschichten nun regelrecht durchtränkt sind. Erst der gehärtete Überzug verleiht dem Kernstück des pelzigen, schlaffen Mattengefüges Halt und Struktur. Dabei scheinen die schwerkraftbedingt sich durchbiegenden Plattenfronten das vermeintlich
statische, berechenbare Wesen der »Konstruktion« erneut in Frage zu stellen. Eindringlicher noch als in der vorangegangenen Werkphase erlebt der Betrachter eine Konkurrenz von Anziehung und Bedrohung, von Engung und Weitung, die sich zwischen den monumentalen Doppelflügeln und den dynamischen Vektoren ihrer Fugensysteme und freistehenden Kanten entspinnt. Zudem unterstreicht der Künstler die konstruktionsbedingte Spannung durch eine an alchemistische Prozesse gemahnende Einfärbung der aufgebrachten Epoxydschichten. Fluktuierende Aluminium-, Graphit- oder Farbpigmente vollziehen den Fluss der Harzmassen nach und verleihen der einst wattigen Oberfläche eine schillernde, raumhaltige, geradezu hologrammatische Qualität. Man denkt an phantastische geologische Strukturen, an die Oberflächen unerschlossener Planeten in fremden Galaxien. Die organischen Strukturen und Energien der archaischen Naturmaterie erscheinen unter der glasharten Harzschicht gleichsam konserviert und versiegelt.

Auf diese komplexen installativen Situationen folgen ab 2004 schlanke, stelenartige Arbeiten von intimerer Anmutung. Die Objekte werden kleiner, leichter, mobiler und verzichten auf den spezifischen Bezug zum Ausstellungsraum. Den Reiz ihrer mit buntintensiven Farb- und Glimmereffekten akzentuierten, weiterhin hochglänzenden Kunstharzhaut präsentieren sie nunmehr häufig auch als Sockel- oder Wandobjekte. Ihre eigenwilligen Werktitel stammen aus dem Bereich der Musik und transportieren ein eigenes, nicht unmittelbar den Inhalt der Plastik deutendes Bild.

Zum Großformat kehrt Scharrelmann 2005 wieder zurück. Es entstehen »Bilder« oder Wandobjekte auf Styropor ebenso wie turmartige freiplastische Schenkel-Konstrukte. Die skulpturale Dimension des Epoxydharzes erscheint nun mittels neuer Techniken und Formfindungen nochmals bewusst exponiert: Die ungleichmäßig dicht pigmentierte Masse wird in verschiedenfarbigen, reliefartig übereinandergelagerten Gussschichten aufgebaut und erst abschließend mittels dünnen Glasfasergewebes zu einem zweischenkligen skulpturalen Konstrukt verbunden. Vielfach greift die Harzmaterie so in schlierigen, expressiven Säumen und Ausläufern über die Ränder der rechteckigen Glasfasermatten hinaus. Denkbar sinnfällig befragt der Künstler die in dieser dynamischen Struktur einander durchdringenden Wesenheiten von Raum und visuellem Feld, wobei einzelne Arbeiten vom Erdboden abheben und frei schwingend von der Decke herabhängen. Bezeichnenderweise arbeitet Scharrelmann in die Substanz dieser Objekte auch heilige Erde ein und versieht sie mit Titeln wie »Inna Heights«.

Die gleichsam inversive Werkgenese aus Harzgüssen und Glasfaserschicht veranlasst den Künstler, neu über das Verhältnis von Körper, Bild und Raum nachzudenken. In einer Werkgruppe des Jahres 2007 geschieht dies vor dem Hintergrund seiner Beschäftigung mit den Mysterien von Eleusis. In diesen Initiations- und Weiheriten des alten Athen wurde die Rückkehr Persephones aus dem Hades in die Welt der Lebenden gefeiert, die symbolisch für die Wiedergeburt allen Lebens auf Erden steht. Zu den Protagonisten seiner großformatigen Wand- und Bodenobjekte wählt Scharrelmann Eros, Hypnos und Thanatos, den Gott der Liebe, des Schlafes und des Todes. Im Sinne einer »negativen Malerei« formt er aus dem auf eine plane oder auch gewölbte Negativform gegossenen Harz in großzügiger und impulsiver Geste abstrakte, dynamische Farbfiguren, die im Anschluss mit geschwärzter Harzmasse verbunden werden, bevor das Gesamtgebilde rückwärtig mit Glasfasergewebe stabilisiert wird. So strahlen die Schemen der hellenischen Gottheiten dem Betrachter schließlich aus dem Dunkel tiefschwarzer, Licht absorbierender Bild»gründe« mit dem vieldeutigen Leuchten digitaler Videosignale entgegen. Ihre spektakulären Farbwirkungen verdanken sich auch dem Einsatz der hier verarbeiteten Interferenzpigmente: Durch die Absorption, Brechung und mehrfache Reflektion des Lichts ergibt sich ein irisierendes Farbenspiel, das zum diamantenen Glanz der Harzoberfläche hinzutritt. Die mit jedem Perspektivwechsel einhergehende Veränderlichkeit der farbigen Erscheinung macht nicht nur die Wahrnehmungsaktivität des Betrachters zum Thema, sondern bringt auch das Wirken optisch-physikalischer Phänomene mit der Präsenz mythischer Gestalten in einen Zusammenhang.

Deren Kräfte wirken nach in »Cyclops I«, einer monumentalen Stele, die für Scharrelmanns aktuellsten Ansatz im Bereich der Styropor-Arbeiten steht. Es sind nun massive, gleichsam monolithische Blöcke des Schaumstoffs, die der Künstler mit der Thermosäge im Sinne eines bildhauerischen Aktes in Form schneidet und dann einseitig mit Harz beschichtet. Nie zuvor sind die kontrastierenden Materialanmutungen von zäh fließender Farbmaterie und grobporig-bröseligem Styropor einander klarer und offensiver konfrontiert worden:
Kristallene Härte steht gegen flexible Knautschigkeit, aggressive Farbintensität gegen indifferentes Weiß, informell flirrende Lichtreflexe gegen die Neutralität stereometrischer Raumkörper.

Aus diesem Werktypus entwickelte Scharrelmann anlässlich der Ausstellung im Saarlandmuseum die Arbeit »Unity I«, seine bislang größte Skulptur. Sechs gleichförmig skulptierte Stelen, deren unteren Bereich der Künstler als eine Art Sockelzone artikuliert, fügen sich zu einer kolossalen Front, die einerseits an granitene Tempelbauten untergegangener Kulturen denken lässt, zugleich aber ein überwältigend vitales Schauspiel bildräumlicher Effekte entfaltet. Vergegenwärtigt erscheint die Aktivität einer Urmasse, die das
rationale Konstrukt des lapidaren Blockverbands buchstäblich überlagert: Flammruß-, Graphit- und  farbige Interferenzpigmente wirken ineinander und lassen quellende Rauchschwaden, heranstürmende Wogen, Sternennebel, vulkanische Eruptionen aus unwägbaren Tiefen assoziieren. In denkbar eindrucksvollem Maßstab offenbart »Unity I« das Vermögen Scharrelmanns, anhand der von ihm kultivierten Harzmembrane die inhaltliche wie materialinhärente Dynamik kompositioneller Prozesse zu fixieren, zu nobilitieren und monumentalisieren. Indes verleugnet die vielgestaltige Oberfläche der Harzhaut mit ihren differierenden Glanzintensitäten, ihren Aufwerfungen und Vertiefungen zugleich doch niemals ganz die pockennarbige Struktur des darunterliegenden Styropors. Und in der Tat sind es nur ein paar Schritte für den Betrachter, um wieder »Down to Earth« zu gelangen: Ebenso wirkmächtig ist rückseitig die ernüchternde, konkrete Materialwirkung der raumgreifenden Werkstoffmasse exponiert.

Kathrin Elvers-Švamberk, 2008